Werke -

Paradise

Garten Eden

Vermehrt hatten zivilisationskritische Strömungen seit dem Ende des 19.Jahrhunderts in hochindustrialisierten Gesellschaften für ein steigendes Interesse an außereuropäischen Kulturen und der Rückbesinnung auf ursprüngliche Lebensformen im Einklang mit der Natur geführt. Mindestens in der Vorstellung ohnehin mit Reisen in ferne, fremde Welten befasst, setzten sich insbesondere zahlreiche bildende Künstler - wie Paul Gauguin und die Fauves, die Expressionisten der Brücke-Gruppe u.a. - mit Themen und Motiven aus dem Umkreis von Naturvölkern auseinander. Die fabulierfreudige Weltflucht in Exotismen erwies sich jedoch zumeist nur als ein kurzfristiges Abenteuer, als mangels tiefgreifender Informationen und des unabdingbaren gegenseitigen Einfühlungsvermögens ein interkultureller Austausch auf Augenhöhe nicht stattfinden konnte. Die Globalisierung der Gegenwart bietet zwar einerseits die Möglichkeit, die entstandenen Defizite endlich wettmachen zu können, andererseits hat die jahrhundertelange Ausbeutung und menschenverachtende Ignoranz von Seiten der westlichen Industriestaaten bereits jetzt zum weitgehenden Verschwinden der Kulte und Kulturen geführt. Analog zum Denkmodell vom Anbeginn der biblischen Menschheitsgeschichte um Adam und Eva zeigt Eva Bur am Orde archetypische Figuren, die deren Lebensalter bei weitem übertreffen und gleichzeitig bis in die Jetztzeit hinein (noch) erfahrbar sind.

Einem inzwischen intellektuell fein verästelten Spezialistenwissen, das die gegenseitige Kommunikation unter den Menschen über grundsätzliche Angelegenheiten längst zum Verstummen gebracht hat, setzt Eva Bur am Orde eine archaisch geprägte Ausdruckssprache entgegen. In Anlehnung an Körperbemalungen oder Tattoos, Gefäßverzierungen oder Bauschmuck, wie wir sie aus den unterschiedlichsten Kulturen kennen, überträgt die Künstlerin als elementare Ornamentik in ihre Malerei selbst. Die Kraftwirkung althergebrachter, ethnografisch ursprünglicher Zeichen schlägt in der Verbindung mit der kontrastreichen Farbigkeit, der Konzentration auf isolierte Volumenformen und den nahsichtig plakativen Formaten mühelos den Bogen zu den großflächigen Graffitis unserer metropolen Dschungellandschaften der Städte.

Text: Clemens Ottnad

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