Werke -

Selfies

Selbstbildnisse

Unschwer sind in den vier I Nature betitelten Portraits von Eva Bur am Orde Selbstbildnisse der Künstlerin selbst zu erkennen. Im Unterschied zu den fotografischen Selfies, die tagtäglich von Milliarden von Smartphone-Besitzern weltweit massenhaft geschossen werden und aufgrund ihrer zumeist völlig unreflektierten Entstehung beliebig austauschbar sind, findet hier - allein schon über den längerwierigen Denk- und Malprozess - eine intensive Auseinandersetzung mit der Ich-Darstellung statt. Bestimmt die wahllose Bilderflut der gängigen Foto-Selfies in der Regel ein künstlich aufgesetztes Grinsen oder Lächeln, das Schönheit, Erfolg, Wohlstand, gute Laune des Gezeigten vermitteln soll, zeigt sich Eva Bur am Orde hier als archaische Kriegerin in höchst unterschiedlichen emotionalen Zuständen.

Auf ein etwa notables Ambiente verzichtend, eine touristisch bemerkenswerte Umgebung oder den zeitgeistigen Event-Charakter eines Ereignisses ist der Blick des Betrachters ganz auf die ausdrucksvolle Mimik der amazonen Kämpferin gelenkt. Unter verschiedenfarbigen Hauben und Helmen, die teilweise mit gewundenen Tierhörnern besetzt sind, lugt das feurig rote Haar des Frauenkopfes hervor. Mal sind die Augen zu giftig schmalen Sehschlitzen verengt, mal voller jäher Andacht weit geöffnet nach oben gerichtet; unter den gehörnten Kopfbedeckungen erwecken ihre Gesichtszüge und die tierhaft gebleckten Zähne den Eindruck von Wut und Aggression, unter den in lichteren Farben gehaltenen Hauben eher von furchtsamen Erstaunen und stiller Verwunderung. Dabei sind vergleichbare Hornhelme historisch gesehen in frühen Kulturen - wie beispielsweise der der Kelten - ausschließlich kultischen Zwecken vorbehalten, da sie sich im tätlichen Schlagabtausch nur als nachteilig erwiesen hätten.

Offen bleibt aber in jedem Fall, ob jener Kampf- der Betitelung der Reihe I Nature (Ich Natur) nach - nur mit dem eigenen Selbst ausgefochten werden kann, oder nicht vielmehr die Künstlerin in die personifizierte Figur der Natur selbst geschlüpft ist, um deren Geist und Entgeisterung in Menschengestalt zum Ausdruck zu bringen: das Wüten der Ich-Naturen im eigenen Kopf und in der Seele oder die Natur selbst als wütende Furie?
Text: Clemens Ottnad

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